Verkorkste Negative

Die ganz großen Könner sagen: Filmwahl, Belichtung, Entwicklung das ist alles. Sie reden von geheimnisvollen Kontrastumfängen und haben, um es übersptizt zu sagen, eine "Gamma Nase", mit der sie die verborgenen Bildkontraste ihrer Aufnahmen schon vor der Entwicklung "riechen". Mit diesem sechsten Sinn ist es keine Kunst, ein Könner zu sein. Wir aber sind noch unerfahren in der Dunkelkammer und haben noch zu wenig Übung. Nur eins ist uns klar, daß sich das zarte, in der Durchsicht matte, silbergraue Negativ besser kopieren und vergrößern läßt als das so herrlich leuchtende, brillante.
Und nun passiert folgendes:
Wunderoller Spätherbstnachmittag, schrägstehende Sonne, rascher Wolkenflug am seidig durchstrahlten Himmelsgewölbe. Wir mit unserem Kameraauge aals typische Tiefseebewohner im großen Luftozean, bewegen uns schon nahezu in winterlicher Dunkelheit. Die Lichtfülle des

Sommers ist dahin, nur noch der Himmel leuchtet; im Winter wird auch er grau und trübe sein.
Bei diesen Lichtverhältnissen fällt es uns schwer, einen Standort zu finden. Was nützt die schönste Wolkenzeit, wenn für uns der Vordergrund bereits "gestorben" ist? Wie zum Hohn öffnet sich vor unseren Augen ein prächtiges Wolkentor, und durch eine strahlende Gloriole von Licht und Schatten schießt die verdeckte Sonne mächtige Strahlenbündel in den herbstlichen Dunst des weiten Himmelsraumes. Wir stehen erstarrt. Dann reißen wir die Kamera aus der Tasche, schieben mit zitternden Fingern das Orangefilter auf das Objektiv und dirigieren unseres Begleitperson auf eine Hügelerhebung, um sie vom dunklen Hintergrund freizubekommen. Kaum bleibt uns Zeit, an die Nah-Fern-Einstellung zu denken, da liegen wir auf den Knien und schießen und schießen, denn die Sonne hat den Wolkenrand erreicht und wird ihr wundervolles Schauspiel gleich beenden. Hellstrahlender Himmel, wolkenbeschattete Erde, im Spätherbst, mit Kontrastfilter, bei fünffach verlängerter Belichtungszeit, aus freier Hand, mit der Kleinbildkamera und einem quecksilbrigen Motivbestandteil,
auf dessen Stillhalten wir uns nicht verlassen können, das sind schon Anforderungen, vor denen wir in die Knie gehen können, und nicht nur aus Gründen des freien Hintergrundes.Aber wir müssen es wagen, gegen alle Vernunft, aber mit der Gewißheit, daß wir ja später noch einen großen Teil, vielleicht den besten, hinzutun können, um aus einer verfahrenen Situation ein gutes Bild zu machen.
Wo liegt das Problem? - Natürlich in den Kontrasten! Wir müssen wissen, dß wir uns im Grenzbereich des Fotografisch-Möglichen bewegen. Das Negativ mit seinen Kontrasten von 1:1000 ist unkopierbar. Das Papier hat nur einen Kontrastumfang von 1:30. Was da hineinpaßt, ist nur noch ein schäbiges Überbleibsel des ursprünglichen Strahlens.
Fragt sich nun, was wir opfern, Lichter oder Schatten?

Am liebsten weder da noch dort. Also fertigen wir uns auf Diapostivfilm zwei Duplikatnegative an, ein weiches mit den Lichtern unseres Bildes und ein hartes mit den Schatten, und projizieren beide übereinander auf das Vergrößerungspapier. Das ist ein mühseliger Weg, kommt es doch darauf an, daß sich beide Bilder genau decken. Eine andere Möglichkeit: In zwei Schalen entwickeln, zunächst-bis zum Kommen der Lichter-in
einem weich arbeitenden Entwickler, und dann, nach kurzem Abtropfen lassen in einem härteren, in dem die Schatten bis zur vollen Durchzeichnung ausentwickeln, die Lichter aber nichtmehr wesentlich angegriffen werden. wir habene s bei dieser Arbeitsweise in der Hand, die Entwicklung der gewohnten Tonabstufung anzupassen.

Trotzdem kommen wir mit diesen beiden Verfahren nicht immer aus. In vielen Fällen-das liegt am Negativ- hilft nur noch Nachbelichten. Wir halten eine Papiermaske in den Strahlengang des Vergrößerns, um die rasch kommenden Bildteile abzudecken- und belichten die später erscheinenden Bildteile allein weiter. Dies ist eine einfache Methode.